Gewollt und nicht gekonnt – Personaluntergrenzen

Ich habe lange nichts mehr geschrieben, es gibt gerade eine Menge zu tun. Etwas interessantes habe ich aber mal mitgenommen:

In einer Runde bei uns im Landkreis treffen sich mehr oder weniger regelmäßig mehrere Rettungsdienstbeteiligte: Leiter Rettungsdienste, Chefs der Leitstelle, leitende Ärzte der Notaufnahmen, Intensivstationen und auch Vertreter der Notärzte selbst.

Das erste Quartal ist vorbei, die ersten Statistiken liegen auf dem Tisch. Die Leitstelle kritisiert, dass die Intensivtransporte deutlich zugenommen hätten. Besonders auffällig sei, dass die Transporte von der größten Klinik im Landkreis weg sehr stark zugenommen haben. Diese kosten viel Zeit, in dieser Zeit stehen die gebundenen Rettungsmittel nicht zur Verfügung, um Notfälle abzudecken.

Auf ärztlicher Seite war die Ursache dessen sofort gefunden und benannt: Die von Gesundheitsminister Spahn festgelegten Personaluntergrenzen für Intensivstationen. Zwischen Diskussion und Beginn der Maßnahme ist relativ wenig Zeit vergangen, die Kliniken schafften so schnell natürlich nicht, neue Intensivpflegekräfte anzuwerben. Also bleibt nur eine Möglichkeit: Auf der Intensivstation Betten sperren. Dies führt dazu, dass Patienten häufig in andere Kliniken verlegt werden müssen, um dort weiterversorgt zu werden. Praktisch bedeutet dies folgendes: Der diensthabende Arzt erkennt, Patient X ist intensivpflichtig und bedarf demzufolge eines Bettes auf der Intensivstation. Dies ist im Hause nicht zulässig, da alle belegbaren Betten belegt sind. Also nimmt der Arzt das Telefon und klappert alle benachbarten Kliniken ab, um ein freies Bett zu finden. Bei speziellen Anforderungen kann das schnell im Umkreis von mehr als 100 Kilometern sein. Danach muss die Aufnahme abgeschlossen und ein Verlegebericht geschrieben werden. Es erfolgt die Bestellung eines Rettungswagens mit Notarzt, der dann die Verlegung vornimmt. Dieses Prozedere kostet schnell mal zwei Stunden, in der der Arzt seine eigentlichen Aufgaben nicht wahrnehmen kann. Ebenso werden Rettungswagen und Notarzt dann teilweise mehrstündig mit einer eigentlich unnötigen Fahrt belastet und können ihre eigentliche Aufgabe, Nothilfe in der Bevölkerung nicht wahrnehmen. Also:

  • Der Patient erreicht erst bis zu mehrere Stunden später „sein“ Bett, wo er gut versorgt wird. Dabei sind die ersten Stunden häufig die für die Therapie wichtigsten.
  • Der Patient liegt statt ruhig im Bett auf einer Trage und wird noch einmal gut durchgeschüttelt, auch dies schnell mal mehr als eine Stunde
  • Der Arzt ist mit der Verlegung (Platzsuche, Verlegungsbericht, Übergabe) beschäftigt und kann in der Zeit andere Patienten nicht versorgen
  • Rettungswagen und Notarzt sind beschäftigt und stehen ebenfalls nicht für ihre eigentliche Aufgabe zur Verfügung

Das ist für keinen der Beteiligten wirklich gut. Das Gesetz, dass primär Patienten schützen und sekundär Personal schonen sollte, tut aktuell das Gegenteil.

Da Intensivplätze für fast alle „ertragreichen“ Tätigkeiten im Krankenhaus notwendig sind, ist der Wille der Krankenhäuser natürlich groß, so schnell wie möglich wieder Intensivpflegekräfte zu haben. Da „Herbeizaubern“ ausfällt, werden also „normale“ Pflegekräfte fortgebildet. Diese werden von den anderen Stationen der Häuser abgezogen, da dies am schnellsten geht. Es fehlen dann also dort noch mehr Pflegekräfte. Da wir insgesamt sowieso zu wenig Pflegekräfte haben, enstehen hier die nächsten Probleme.

Aus meiner Perspektive ist das wieder typisch: Hier werden öffentlichkeitswirksam scheinbar Löcher gestopft. Der Normalbürger ist zufrieden. Aber tatsächlich werden Probleme nur verschoben – und kosten letztendlich mehr, als man ursprünglich gespart hat.

Fazit: Das Gesetz ist gut gemeint, aber nicht umsetzbar. Oder es kommt zu spät. Natürlich sparen die Krankenhäuser als erstes am Personal – man hätte diese Verordnung also veranlassen sollen, als das große Sparen los ging. Zumindest hier kann sich unser Gesundheitsminister heraus reden – damals war er noch nicht Gesundheitsminister.

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Ein Kommentar

  1. Tja, so ist das mit der Politik.

    Nichts wird mehr richtig durchdacht. Hauptsache positiv in der Presse.

    Meine Tochter macht gerade auch eine Ausbildung als Krankenpflegerin, daher weiß ich was so im Gesundheitswesen abgeht.

    LG Bernhard

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