Am Kehlkopf vorbei

Essen in der Notaufnahme ist eine Geschichte für sich. Dass Patienten mit stärksten Bauchschmerzen oder unerträglicher Übelkeit nach der Ankündigung von Wartezeiten sich erst einmal in der Cafeteria einen Imbiss holen, sind wir ja schon gewöhnt. Zustand nach einmaligem Erbrechen oder einmaligen Durchfällen ist auch keine seltene Anmeldediagnose. Klassische Kandidaten, die nach dem Besuch bei mir eher unzufrieden sind.

Aus folgender Geschichte konnte ich mich zum Glück heraushalten:

Eines frühen Abends in der Notaufnahme klingelt das Telefon, wie so oft. Stimme und Mimik der Schwester verraten, dass dort etwas besonderes abläuft und erregen unsere Aufmerksamkeit. Sie schaltet das Mikrofon aus und wendet sich an uns: „Die Frau weint!“

Am anderen Ende sei eine weinende Ehefrau. Ihr Mann sei am Kehlkopf operiert und habe deshalb eine PEG (Ernährungssonde durch die Bauchwand direkt in den Magen). Nun habe sie keine Nahrung mehr für den Patienten. Und will von uns welche. Für mindestens zwei Tage. Der verzweifelte Blick unserer Schwester führt dazu, dass eine andere Kollegin das Gespräch übernimmt. Heraus kommt dann, dass die Ehefrau seit drei Tagen auf Nachschub wartet, aber die Apotheke nicht geliefert habe. Mehrere Versuche, der Frau zu erklären, eine andere Apotheke zu nutzen, scheiterten. Ebenso scheitert natürlich die Erklärung, dass der Mann auch ohne eine abendliche Packung Flüssignahrung die Nacht überleben wird.

Letztendlich lässt sich die Schwester darauf ein, im Haus eine Packung der Nahrung zu organisieren. Für diesen Abend, damit sie sich morgen bei einer anderen Apotheke etwas besorgen kann. Damit begann dann das Drama:

  • Die Dame will nicht nur eine Packung, sondern mehrere für mindestens zwei Tage
  • Dass wir nicht genau das vorrätig haben, was sie hat, geht auch nicht – dabei konnte sie uns nicht einmal genau sagen, was der Mann eigentlich bekommt
  • Aus der PEG wurde nun eine Magensonde (Schlauch durch die Nase in den Magen gelegt)
  • Das Problem mit der Apotheke sollen wir jetzt lösen – und zwar jetzt

An dieser Stelle bin ich gegangen, habe ja eigentlich besseres zu tun. Die Geduld meiner Schwestern bewundere ich. Ich hätte der Frau knallhart gesagt: Ein Beutel, ja oder nein. Punkt. Ich weiß daher auch nicht, wie die Geschichte ausging.

Mich nervt so etwas. Wir sind dafür gar nicht zuständig. Dann bieten wir trotzdem unsere Hilfe an, lösen ein Problem vorübergehend und sagen, wie es weiter gehen soll. Aber nein, sich hinstellen und Rundumservice verlangen, ohne selbst etwas zu tun – das wird leider immer moderner.

2 Kommentare

  1. Ich hatte vor vielen Jahren eine Schilddrüsen-Operation. Die Schilddrüse war so schnell gewachsen, dass man befürchtete es wäre ein Krebsgeschwür. War es glücklicherweise dann doch nicht. Vor der Operation musste ich den HNO-Arzt aufsuchen, der feststellte dass meine Stimmbänder durch die Erweiterung dauerhaft und irreparabel geschädigt seien. Da ich eine sehr sprachintensive Tätigkeit ausübte und mich im Unternehmen versetzen lassen wollte, suchte ich diesen Arzt nochmals auf, damit er mir die Schädigung bestätige. Oh Wunder, er diagnostizierte: Alles bestens, ohne Befund. Da war mir klar, seine ursprüngliche Diagnose war eine Gefälligkeit gegenüber dem Chirurg, Für den Fall der Fälle. Das fiel mir nur gerade ein, als ich ihren Artikel las.
    Das ich das Leben mit Galgenhumor nehme können sie, wenn Sie möchten, in meinem Blog nachlesen.
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  2. Lieber Tiuri,

    die Selbstbedienungsmentalität mit Rundumsorglosservice nimmt immer beängstigendere Formen an.

    Mich wundert nur, wie die Leute überleben können wenn etwas nicht so „rund“ läuft? *Ironie*

    LG Bernhard

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