Vorsicht – ist die Mutter der Reitschüler

Wir haben draußen im Einsatz keinen Röntgenblick. Wir können nicht in die Patienten hinein schauen. Aber wir haben Fachwissen, Leitlinien und Erfahrung.

Und weil wir manchmal eben nicht in unsere Patienten hinein schauen können, machen wir manchmal manche Dinge aus Vorsicht, die im Nachhinein dann doch unnötig sind. Zum Beispiel Schutz vor Wirbelsäulenverletzungen. Die Immobilisierung ist nicht schön – aber besser als den Rest des Lebens an den Rollstuhl gefesselt zu sein.

Wie oft haben wir die Diskussion bei diversen Unfällen mit den Patienten. Und manchmal haben wir auch recht:

An einem verregneten Tag geht der Melder. Reitunfall. Die Anfahrt gestaltet sich recht holprig. Bei dem Wetter hoffe ich, nicht draußen arbeiten zu müssen. Ich habe Glück, wir „dürfen“ in die Halle. Dort ist bei einem Übungsritt eine junge Reiterin gestürzt. Sie war gerade beim Aufsitzen, als das Pferd bockte und sie in einem Bogen stürzte. Sie kam sitzend auf ihrem Sitzfleisch auf dem Sandboden an.

Die Patientin war mittlerweile aufgestanden und lief, unruhig vor Schmerzen und sich den Rücken haltend, hin und her. Ich konnte sie kurz untersuchen, aber Sturzgeschehen und Rückenschmerzen gefielen mir nicht. Ich ordnete daher „das komplette Programm“ an, meine Rettungsdienstkollegen holten das Material. Der Patientin und ihrer Mutter erklärte ich, dass ich ihr eine Halskrause anlegen und sie in einen provisorischen „Ganzkörpergips“ packen würde.

Die Halskrause, genannt Stifneck, dient der Stabilisierung der Halswirbelsäule, so dass diese nur noch wenig bewegt werden kann. Ganzkörpergips ist eines der umgangssprachlichen Wörter für die Vakuummatratze. Auf diese wird die Patientin gelegt, dann die Matratze den Körperkonturen angepasst und unterdessen Luft abgesaugt. Dadurch wird die Matratze sehr hart und nimmt die Konturen des Patientenkörpers an, welcher nun in einer „festen Form“ liegt. So auf der Liege festgeschnallt, kann sich die Patientin nicht mehr bewegen, ist aber vor weiteren Verletzungen gut geschützt.

Wie erwartet, stieß ich auf Gegenwehr. Ich sprach deutlich: „Die Verletzung der Wirbelsäule ist unwahrscheinlich. Aber in diesem Fall droht ihnen eine lebenslange Querschnittslähmung, sie könnten an den Rollstuhl gefesselt sein. Und sie würden Ihre jetzige Entscheidung ein Leben lang bereuen. Deshalb gehen wir lieber jetzt auf Nummer sicher.“ Dies wirkte erst bei der Mutter – dann auch bei der Patientin. Erfreulicherweise war die Patientin so verpackt liegend dann auch fast schmerzfrei, das führte dann zu weiterem Einverständnis.

Ich lieferte die Patientin beim chirurgischen Kollegen ab. Als ich nach dem nächsten Einsatz wieder in der Notaufnahme war, sah ich die Patientin und ihre Mutter gerade im chirurgischen Ambulanzzimmer. Der Chirurg sah mich und meinte nur: „Du hattest recht. Wirbelkörperfraktur mit Hinterkantenbeteiligung.“ Sowohl Patientin als auch Mutter bedankten sich dann für meine Überredungskünste – die Patientin ist noch gerade so an einer Querschnittslähmung vorbei gekommen. Sie wurde kurz danach in die Wirbelsäulenchirurgie verlegt.

Lieber zig mal eine Vorsichtsmaßnahme umsonst, als einmal zu wenig. Seit dem bin ich noch besser darin, meine Patienten zu solchen Schutzmaßnahmen zu überreden.

Ein Kommentar

  1. Lieber Tiuri,

    manch mal muss man sich auf seine Intuition, sprich Bauchgefühl verlassen. Bei mir im technischen Risikomanagement in der IT ist das genau so, manchmal beängstigend, wie viele Treffer ich habe. Dazu benötigt man viel Erfahrung, ich weiß nicht wie viele Jahre es bei Dir sind, bei mir sind es schon deren 25.

    LG Bernhard

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