Corona – Wutbrief: „Wir sind überhaupt nicht vorbereitet!“

Oder „Ich muss mir meinen Frust von der Seele schreiben“ …

Ich hoffe jeden Tag, dass es endlich jeder Politiker, jeder Entscheider, jede Krankenkasse, Ärztekammer und so weiter begreift: Unser Gesundheitssystem war bereits vorher am Limit und wird nun vollkommen überlastet.

Und das nicht mal durch Corona selbst, sondern die Panik davor reicht schon! Es gibt keine Schutzkleidung und Schutzmasken mehr, kein Desinfektionsmittel mehr usw. Habt Ihr aus SARS, Schweinegrippe und Co nichts gelernt? Gibt es keine Vorräte mehr für Notfälle? Vorräte kosten halt Geld…

Es wird nicht geschafft, Ruhe in die Bevölkerung zu bringen. Statt dessen lassen sich Menschen aufs unterste moralische Niveau herab, klauen chronisch kranken Kindern in Kitas Desinfektionsmittel und aus den Kliniken gleich noch die Schutzkleidung dazu! Dass das tatsächlich Straftaten sind, wird gleich ganz ignoriert – ja Leute, habt Ihr Euer Hirn ausgeschaltet?

Liebe Politik, Justiz und Presse, geht doch mal aktiv gegen die Falschmeldungsverbreiter vor! Die zum eigenen Vorteil (Geld, „Ansehen“) Falschmeldungen verbreiten … ach nein, einige von Euch Presseleuten machen ja noch aktiv mit!

Die Krankenhäuser (und der Rest des Gesundheitssystems natürlich auch) sind seit Jahren am Limit gebaut! In der Krankenhaus-Planwirtschaft wird nach Durchschnitt gearbeitet, damit bleiben schon keine Reserven mehr für planbare Jahresschwankungen!

Ein Beispiel: Der Bedarf an Physiotherapeuten wurde in meiner Klinik folgendermaßen berechnet: Man hat einen Monat lang alle Leistungen der Physiotherapeuten gezählt und dann daraus berechnet, wie viel Physiotherapeutenstellen gebraucht werden. Hört sich auf dem Papier toll an, aber: Zum Zählen wurden vier Wochen in den Sommerferien ausgewählt – Die Zeit mit den wenigsten Patienten und wegen Urlaubs von Ärzten gibt es in dieser Zeit nur sehr wenige geplante OPs. Wenn dann zwei Monate später doppelt so viele Aufgaben auf die Physiotherapeuten warten, sind natürlich diese selbst daran schuld, ihre Arbeit nicht zu schaffen.

Für Hausärzte und in der Allgemeinklinik das Gleiche – der Jahresschnitt besagt, wieviele Stellen geplant werden oder wie viel Geld der Hausarzt von den Krankenkassen bekommt. Arbeiten Hausärzte in der Urlaubszeit weniger, bekommen sie weniger Geld (Budget nicht gebraucht). Der große Schwung der Patienten kommt aber im Winter: Erkältungen, Grippe und Magen-Darm-Grippe führt zu einem regelrechten Run auf die Praxen – das Budget reicht nicht, der Hausarzt zahlt zu. In den Kliniken reichen die Kapazitäten nicht, weder auf der Notaufnahme noch auf den Stationen oder der Intensivstation! Ein freies Beatmungsbett für eine schwerste Lungenentzündung ist eine Rarität, teilweise sucht man 200 km in Umkreis! Alleine die Zeit für die Suche und den Transport selbst ist überhaupt nicht im System eingeplant.

Moment, Winter ist Hauptzeit für Hausärzte und Internisten? Ja genau jetzt, genau jetzt, wo auch noch Corona obendrauf kommt. Genau jetzt, wo Ärzte, Schwestern, Pfleger, Rettungsdienste, Reinigungskräfte und alle anderen über ihrem Limit arbeiten, genau jetzt kommt dieser blöde Virus auch noch dazu.

Weil Ihr Politiker, weil Ihr Krankenkassenchefs und anderen Entscheider ein krankes Gesundheitssystem gebaut habt, das von sich aus schon am Limit läuft! Wir sind überhaupt nicht vorbereitet, weil wir vorher schon über dem eigentlich Möglichen gearbeitet haben!

Obwohl schon jahrelang verboten, habe ich bis Dezember in meiner Klinik noch 30-Stunden-Tage und 90-Stunden-Wochen gehabt! Bis heute wird in vielen Kliniken die Arbeitszeit von Ärzten nicht protokolliert – oder massiv geschummelt – damit sowas gar keiner merkt! Kontrollen gibt es keine. Ausschließlich die Berufsgenossenschaft der Heilberufe kontrolliert bei Wegeunfällen die Arbeitszeit, ein einziges Drama!

Ich hätte jedes Mal zuschlagen können, wenn mir einer der Oberen erklärt hat, dass er als Assistenzarzt immer alles geschafft hat – ja, zu seiner Zeit sind nachts nur 1 oder 2 Patienten in die Klinik gekommen und nicht 20 oder 30! Damals haben Patienten das gemacht, was Ärzte gesagt haben, heute brauche ich für jeden Kleinkram eine komplette schriftliche Aufklärung mit allem drum und dran. Das Aufklärungsgespräch dauert häufig länger als der Eingriff selbst!(*) Da Patienten nicht mehr länger als 5 Tage da bleiben sollen – inklusive Wochenende – ist alleine das Koordinieren der Untersuchungen eine Herausforderung geworden. Bei um die 20 Patienten pro Stationsarzt sind bei mageren 10 Minuten Gesprächszeit pro Patient schnell mehrere Stunden weg. Die Oberen Treffen meist auch nur Entscheidungen und sprechen sehr gezielt, sie kriegen das Chaos meist nicht mehr mit. Und wenn das bei mir so ist, wie weit von der Realität sind dann eigentlich so einige der großen Entscheider weg?
Übrigens sind bei Fehlern und Beschwerden (und da reicht schon nicht genug Zeit, nicht einfühlsam genug) per Definition immer die kleinen Stationsärzte Schuld – niemals die, die uns kleinen Ärzten die Zeit weg nehmen! Wir haben gar keine Zeit mehr, unsere eigene Arbeit mal zu prüfen oder uns wirklich was gutes zu überlegen.

Bei Praxen ist das nicht viel anders. Die gesetzlichen Krankenkassen geben vor, wieviele gesetzliche Versicherte der Arzt im Quartal bezahlt bekommt. Sind es mehr, werden diese nicht bezahlt, der Hausarzt zahlt aus eigener Tasche zu. Also werden so künstlich Wartezeiten erzeugt. (Bei Privatversicherten gilt dieses nicht – daher keine Wartezeit). Wem wird Schuld gegeben an den Wartezeiten – natürlich den Ärzten, nicht denen, die uns das aufgezwungen haben.

Und auch hier schlägt die Presse natürlich immer rein in die Kerbe. Fragt uns! Und schreibt nicht das, was diese Krankenkassen Euch vorgeben!

Zurück zu Corona – keine Panik verbreiten. Als bei uns im Landkreis der erste Corona-Fall aufgetaucht ist, hatte ich innerhalb eines Tages acht e-mails von verschiedenen Leuten meiner Klinik im Postfach, die mir sagen wollten, was ich zu tun habe. Teilweise von Leuten, von denen ich noch nie was gehört habe. Prost Mahlzeit, wer soll da nicht Panik kriegen??

Jeder Landkreis hat hier jetzt ein eigenes System, mit Corona umzugehen, das macht es natürlich schwierig, den der Bevölkerung etwas mitzuteilen – die vielen, sich teilweise widersprechenden Informationen führen zu noch mehr Panik. Auch wenn man hundert Mal gesagt bekommt, keine Panik!

Die Internetseiten des Robert-Koch-Instituts, unserer zentralen Anlaufstelle, sind regelmäßig überlastet. Hunderte Medikamente waren schon vor SARS-CoV-2 nicht mehr lieferbar. Die Kapazitäten an Intensivbetten am Limit, ebenso die Kapazitäten für multiresistente Keime. Schutzkleidung, Händedesinfektion gibt es nur noch Restbestände – aber wir sind gut vorbereitet?

Liebe Politik, Ihr hättet schon so viel tun können, wo bleibt das alles?

  • Ein Bildungssystem dass erste Hilfe und Gesundheit lehrt – das mangelnde Grundwissen kostet uns enorm Zeit, wie oft erkläre ich in der Erkältungszeit, dass Antibotika nicht bei Viren helfen. Außerdem wird hiermit den Scharlatanen Tür und Tor geöffnet!
  • Antibiotikagabe einschränken – noch immer ist die Massentierhaltung der größte Käufer von Antibiotika – hier entstehen die multiresisten Keime, nicht bei uns in der Klinik …
  • Kontrolle und Durchsetzen der Arbeitszeitgesetze – Ihr habt die doch nicht umsonst geschaffen, warum gelten die bei uns nichts?
  • Schutz der Mitarbeiter vor physischer und psychischer Gewalt, sexuellen Übergriffen – wo bleibt ein Pflichtmeldesystem für die Arbeitgeber und ordentliche Strafen für die Täter?
  • Konsequentes Vorgehen gegen Patienten, die das Gesundheitssystem vorsätzlich missbrauchen (Notaufnahmen, Rettungsdienst, systematische Arztwechsler)
  • Aktives Vorgehen gegen die Leute, die mit Lügen unser Gesundheitssystem kaputt machen (Globuli, Impfgegner und andere Scharlatane), statt diese auch noch zu unterstützen
  • … und hunderte andere Punkte …

Liebe Politik, liebe Krankenkassen! Ihr habt uns kaputt gespart! Wir sind die, die an vorderster Front für die Gesundheit der Bevölkerung kämpfen! Wir übernehmen damit eine der wichtigsten Aufgaben des Staates – aber Ihr habt uns hängen lassen und lasst uns noch mehr hängen! Wir haben mit die schönsten Berufe, die es gibt. Aber: Wir können nicht mehr, wir wollen (so) nicht mehr! Möge Euch der Corona-Virus, sämtliche anderen Viren und Eure Lügen über gute Vorbereitung im Hals stecken bleiben!

Und liebe Landsleute, nun mal zu Euch. Ihr habt Angst vor SARS-CoV-2? Trifft eines oder mehreres hiervon auf Euch zu?

  • rauchen
  • viel Alkohol trinken
  • Drogen nehmen
  • massiv über- oder untergewichtig sein
  • ständig Fertiggerichte/Fast Food usw. essen
  • anderwertig zu einseitig ernähren
  • nicht geimpft
  • wenig bewegen
  • ungeschützter Geschlechtsverkehr und häufig wechselnde Partner

Ja? Dann habt keine Angst vor Corona. Denn Ihr werdet sehr viel wahrscheinlicher an den Folgen Eures „Lotterlebens“ sterben statt an Corona. Also packt Eure Corona-Panik beiseite und guckt einfach mal auf Eure eigene Gesundheit!

*Nichts gegen die Aufklärungspflicht, die Patienten und/oder Angehörigen sollen informiert sein, aber es kostet eben sehr viel Zeit, die woanders fehlt. Mal abgesehen von:
a) Der Onkel meiner Tante der Cousine 13. Grades hat aber ….
b) Der Heilpraktiker meines Vertrauens sagt aber … gibt es da nichts natürliches …
c) Wir müssen erst alle 327 nahen Angehörigen befragen und uns eine Meinung bilden …
d) Ich habe irgendwo irgendwann gelesen …

**Ich bin mir natürlich bewusst, dass das Ding SARS-CoV-2 heißt, aber das liest sich so umständlich 😉

Bild von Arek Socha auf Pixabay

One comment

  1. Lieber Tiuri,

    uff, da hast Du Dir Deinen Frust von der Leber geschrieben. Vielen Dank darfür, denn in meinem Umfeld habe ich auch mit dem Gesundheitssystem zu tun, und kann daher alles von Dir gesagte 2x unterstreichen.

    LG Bernhard

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