Fehler im System

Aktuell wird wieder über ärztliche Behandlungsfehler diskutiert. Anlass sind die veröffentlichten Statistiken der Krankenkassen. Es wird immer wieder über eine extrem hohe Dunkelziffer diskutiert, bis zu 30 nicht gemeldete Behandlungsfehler pro gemeldeten Fehler sollen es sein.

Dabei werden nur ein Viertel der gemeldeten Fälle tatsächlich als Fehler bestätigt. Was wieder fehlt, ist die relative Anzahl zu den tatsächlichen Behandlungen. Das ergibt dann Fehlerquoten von sehr weit unter einem Prozent, selbst wenn man die schlimmsten Vermutungen an Dunkelziffern mit einberechnet.

Dabei ist die Frage noch offen, was ist ein Behandlungsfehler? In einer meiner ersten Magenspiegelungen habe ich die Schleimhaut des Magens so verletzt, dass es zu einer Blutung kam. Der Patient wurde kurz überwacht, es ist nichts passiert. Ursache war ein Divertikel (Ausstülpung), die mich als Anfänger verwirrt hat. Ist das ein Behandlungsfehler? Oder das übliche Eingriffsrisiko? Auch wir Anfänger müssen ran, sonst kann solche Untersuchungen bald niemand mehr.

Häufiger hören wir Beschwerden über „Behandlungsfehler“ bei Hausärzten. Die kleinen Beschwerden, wegen derer der Patient beim Hausarzt war, stellen sich nun bei uns in der Notaufnahme als größeres Problem dar. Trotzdem sehe ich keinen Behandlungsfehler: Fast immer funktioniert die Therapie, und dass es bei manchen nicht klappt – oder in Einzelfällen was ganz anderes die Ursache war, ist für den Hausarzt nicht erkennbar.

Meine persönliche Erfahrung besagt, dass es mit den Beschwerden genau umgekehrt ist: Die vermuteten Behandlungsfehler sind sehr häufig keine, oder werden subjektiv als solche wahrgenommen. Die meisten Behandlungsfehler können wir schnell und problemlos korrigieren, der Patient weiß häufig gar nichts davon. Oder wir sagen es, und das ist für Patienten und Angehörige vollkommen OK.

Meistens geht es tatsächlich sehr häufig nur um nicht erfüllte Erwartungen. Der Patient geht mit Erwartungen zum Arzt, diese werden aber nicht erfüllt. Dies zeigt auch eine ganz andere Statistik: Die meisten Beschwerden über vemeintliche Behandlungsfehler (relativ zu den Eingriffen) gibt es bei: Schönheitschirurgen. Das „Wunder“ wird in der OP doch nicht erreicht. Wir Internisten haben die wenigsten Beschwerden. Huch, ein Medikament falsch gegeben, das können wir problemlos korrigieren. Zumal wir eh häufig durch „Ausprobieren“ erst das wirksamste Medikament mit den wenigsten Nebenwirkungen finden müssen, da sind tatsächliche Fehler schnell überspielbar.

Der Ansatz der letzten Jahre, immer noch höhere Strafen und Schadensersatzzahlungen zu fordern, ist dabei insgesamt kontraproduktiv. Statt offen mit Fehlern umzugehen, wird aus Angst vor Regressforderungen versucht, Fehler zu verheimlichen.

Dabei ist und bleibt das allerwichtigste: Sachlich mit Fehlern umgehen, die Ursachen ergründen und diese dann beheben. Fast ausschließlich entstehen Behandlungsfehler durch eine Kette von Fehlern bei mehreren beteiligten Personen.

Der zunehmende Druck auf die Pflege, auf uns Ärzte und alle anderen Beteiligten erhöhen die Wahrscheinlichkeit dieser Fehler allerdings deutlich. Als Schuldige werden wir dargestellt. Aber sind nicht diejenigen Schuld, die diesen Druck erheben? Meines Wissens wurde erst ein Mal die Klinik mit in Regress genommen, als ein überlasteter Arzt einen Fehler gemacht hat. Wir streiken nicht umsonst vorrangig für bessere Arbeitsbedingungen – diese helfen, Fehler zu vermeiden.

Und ja: Auch ich bin nicht perfekt. Wie jeder Arzt habe auch ich schon Fehler gemacht, die Patienten geschadet haben. Dass ich sehr viel mehr Patienten geholfen habe, stellt die Situation wieder von einer anderen Seite dar.

Foto: Bild von Tumisu auf Pixabay

2 Kommentare

  1. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. So heißt es doch in der Bibel. Fehler an sich ist nichts verwerfliches, wenn daraus ein Lernen erfolgt.
    Was mich ärgert ist die „Unfehlbarkeit“ mancher Mediziner. Da spielt die Fachrichtung keine große Rolle. Ein bisschen Gelassenheit auf Ärzte und Patienten Seite kann für ein gutes Ergebnis hilfreich sein. Dazu gehört natürlich auch, dass Ärzte angemessen Zeit für die Behandlung benötigen und Patienten sachlich bleiben.

    1. Das ist richtig. Die Unfehlbarkeit einiger Mediziner. Oder die Medizin hat immer recht. Für mich hat das drei Gründe:

      1.) Früher war das so. Hauptsächlich betrifft dies eher eine ältere Generation von Ärzten. Von Ärzten der jüngeren Generation kenne ich dies kaum noch.
      2.) Besserwisserei von Patienten: Patienten haben eine subjektive Meinung. Wenn der Arzt eine andere – wissenschaftlich fundierte – hat, ist der Arzt besserwisserisch und arrogant. Mir schon einige Male so gegangen. Da hilft mir das Gespräch mit Kollegen sehr, dann weiß ich definitiv, dass ich recht hatte.
      3.) Noch nicht persönlich erlebt, aber mehrfach von gehört: Die Haftpflichtversicherungen verlangen, dass Fehler nicht zugegeben werden. Aus Angst vor Regressforderungen und in der Hoffnung, dass der Fehler nicht bewiesen werden kann.

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