Normal ist nicht normal!

Ich verbringe mal wieder eine Nachtschicht in der Notaufnahme. Das Telefon klingelt, der Rettungsdienst meldet sich. Sie haben eine ältere Patientin, die im Badezimmer gestürzt sei und mit dem Kopf auf dem Rand der Badewanne gelandet sei. Die Patientin wirke vollständig durcheinander, antworte nur mit ja. Laut Ehemann sei sie vorher noch vollkommen normal gewesen. Eine für eine Hirnblutung typische Neurologie habe sie aber nicht. Da die Patientin um die Ecke lebt, wollen sie erst mal zu mir zwecks CT zur Erstdiagnostik.

Zum Verständnis: Bei Stürzen auf dem Kopf kann es zu Hirnblutungen kommen, indem durch das schnelle Stoppen des Hirns Gefäße reißen. Dies ist lebensbedrohlich und kann dauerhafte große Hirnschäden verursachen. Daher ist bei größeren Blutungen schnellstmöglich eine Operation in einer Neurochirurgie notwendig – Kliniken, die es allerdings nur recht vereinzelt gibt. Daher ist zu überlegen, den Patienten erst in die Diagnostik einer nahe gelegenen Klinik zu fahren, bevor dieser – möglicherweise umsonst – zig Kilometer durch die Gegend gefahren wird. Ein CT – Computertomographen hat mittlerweile jede Klinik. Zur Diagnose bzw. zum Ausschluss einer Hirnblutung ist dies sehr gut geeignet.

Genau so machen wir es dann auch. Wir bereiten alles vor, die Patientin wird direkt von der Trage des Rettungswagens auf den CT-Tisch gelegt. Das CT des Schädels zeigt keine Blutung. Einerseits sehr erfreulich, aber woher kommt dann die Verwirrung der Patientin? Ich untersuche sie auch noch einmal, sie zeigt keinerlei neurologische Ausfälle – diese wären bei einer Hirnblutung zu erwarten. Sie schaut uns abwechselnd an und sagt nur immer mal wieder ein einziges Wort: Ja. Eine Verwirrung diesen Ausmaßes passt nicht ins Bild. Eine fortgeschrittene Demenz würde dies erklären. Die Kollegen vom Rettungsdienst bestätigen mir aber die Aussage: Der Ehemann habe gesagt, die Patientin sei vorher vollkommen normal gewesen, er habe sich mit ihr wie immer unterhalten, als sie in das Badezimmer gegangen sei.

Trotz oder gerade wegen der untypischen Symptomatik hole ich mir Rat von der Spezialisten. Digital lasse ich die CT-Bilder in die Neurochirurgie schicken – an vereinzelten Stellen kommt die moderne Technik doch langsam auch mal in der Medizin an. Der telefonisch kontaktierte Kollege sieht kein Anhalt für eine Hirnblutung und kann sich die Symptome auch nicht erklären. Er empfiehlt, die Neurologie zu Rate zu ziehen und dort ein MRT durchzuführen. Ein MRT ist zur Feindiagnostik des Gehirns wesentlich präziser. Also rufe ich in der Schlaganfallstation der neurologischen Klinik (auch ein paar Kilometer weit weg) an. Die Kollegin kann sich die Situation ebenfalls nicht erklären, findet aber eine Akte zu unserer Patientin, sie sei dort wegen einer fortgeschrittenen Demenz gewesen.

Noch während des Gespräches höre ich eine Männerstimme aus dem Untersuchungszimmer. Der Ehemann ist gekommen und unterhält sich mit seiner Frau. Sie reagiert weiterhin nur mit einem „Ja“. Aber ihn scheint das offensichtlich nicht zu stören – das macht mich stutzig. ich beende das Telefonat mit der Neurologin und gehe zu den beiden ins Untersuchungszimmer. Nach einer kurzen Vorstellung und der Information der aktuellen Resultate frage ich ihn vorsichtig aus, ob seine Frau einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn mache. Nein, sagt er, sie sei wie immer. Meine Frage, ob sie immer nur ja sage, bejaht er. Er unterhalte sich immer so mit ihr, sie sei vollkommen normal.

Normal ist eben relativ.

Die Patientin durfte dann ziemlich schnell wieder in ihr gewohntes heimisches Umfeld zurück.

Bild von Colin Behrens auf Pixabay

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