Der Schuh-Index

Manche Dinge nerven bei der Arbeit. So richtig. Da hilft dann nur, sich blöde Dinge auszudenken, um sich abzulenken. Toll ist dann, dass man ja mit Gleichgesinnten zusammen arbeitet – diese können ja die Ideen gleich umsetzen, oder weiter spinnen.

Morgens halb sechs, ich schlummere gemütlich in den Tag hinein, als mich der Melder, so unsanft wie er nur sein kann, aus meinen Träumen reißt. Die Bewegungen kann ich mittlerweile. Aufsetzen, in die Stiefel schlüpfen, kontrollieren, ob der Kreislauf mitmacht – nicht dass man nach zwei Schritten gleich wieder umkippt. Klamotten überwerfen, noch schnell den Melder aus dem Ladegerät mitnehmen und was sonst noch so rum liegt und dann ab zum Auto. (Damit ich nicht in die Verlegenheit komme, meine Hose zu vergessen, lasse ich diese immer gleich an) Jedes mal der Wettstreit, ob eher ich oder mein Fahrer am Treffpunkt ist. Ich habe wie so oft verloren – schlafen die eigentlich im Auto?

Im Auto erfahre ich die Meldung – entgleister Blutdruck. Sofort schlägt mein Herz wieder ruhiger, nichts schlimmes. Aber ich höre, dass der Rettungswagen aus einem Nachbarort kommt, der eigene ist bereits im Einsatz. Das klingt nach einem unruhigen Morgen, die Kollegen konnten also noch weniger schlafen. Auch das beruhigt etwas. Zwei Dörfer weiter stehen wir in der Küche einer älteren Dame. Die Dame läuft und redet mit uns – also mal wieder nichts mit heldenhafter Menschenrettung. Mit normaler Ruhe beginne ich meine Anamnese, will wissen was los ist.

Die Patientin sei erst vor einer Woche aus der Klinik entlassen worden, sei bereits wegen hohem Blutdruck dort gewesen. Sie regt sich auf, dass es ihr nun wieder schlechter gehe. Sie habe lediglich etwas Druck im Kopf verspürt und den Blutdruck gemessen, bei über 200 ist dieser tatsächlich deutlich zu hoch. Meine deutlich wacheren Rettungsdienstler bestätigen dies auch schnell, sonst lässt sich nichts schlimmes finden. Ich frage nach dem Medikamentenplan und erhalte den Entlassbrief aus meiner eigenen Klinik in die Hand gedrückt. Die Frage, ob sie die Morgenmedikamente genommen habe, wird verneint.

Mein noch immer nicht ganz waches Hirn denkt sich die Plan aus, die Patientin schnell mitzunehmen, in der Klinik abzusetzen, dort den Blutdruck messen zu lassen, damit sie schnell wieder entlassen werden kann. Ich bitte die Patientin, ihre Medikamente noch zu nehmen. Nach kurzer Verunsicherung will sie dieses tun und greift nach ihrer Medikamentenschachtel. Hier werde ich stutzig – nun bin ich hellwach. Moment, das ist eindeutig die Medikamentenschachtel, die wir immer mit nach Hause mitgeben, selbst das Patientenetikett klebte drauf. Das kleine Teufelchen in mir rief gleich los: Sie hat gar keine Medikamene genommen die Tage! Auf Nachfragen hatte sie das schon, aber nun fiel mir auf, dass die Tabletten nicht mit dem Plan übereinstimmten. Und außerdem – fiel mir jetzt auf – der Entlassbrief ist doch eigentlich für den Hausarzt bestimmt.

Mein Verdacht wurde schnell bestätigt: Sie war gar nicht beim Hausarzt gewesen, dieser hatte ja Urlaub. Von einer Vertretung hielt sie absolut gar nichts, die braucht man ja nicht. Nun frage ich nach, welche Medikamente sie denn da nimmt – ja die gleichen wie vor dem Krankenhausaufenthalt. Laut Brief hatte der Kollege in der Klinik zwei zusätzliche Blutdruckmedikamente verordnet.

Sämtliche anwesenden Rettungsdienstler – wegen Praktikanten noch mehr als sonst – übten sich im Synchronaugenverdrehen. Ich war damit beschäftigt, ruhig zu bleiben und meinen Frust im Zaum zu halten. Mit dem Blutdruck konnten wir die Patientin leider nicht da lassen und warten, bis die Tabletten wirken geht auch nicht. Sie musste mit. Nun aber schnell, nicht noch mehr unnötige Zeit vergeuden. Wäre da nicht das Schuhproblem. Sie fand vor Aufregung ihre passenden Schuhe nicht. Mit Hausschuhen weigerte sie sich mitzukommen. Wir befürchteten, ihr Blutdruck würde weiter eskalieren und setzten die Patientin auf einen Stuhl. Nun fing sie an, uns herumzukommandieren, welche Schuhe sie denn nun eigentlich will. Oder auch nicht, Irgendwann liefen drei bestausgebildete Lebensretter durch den Flur, um die verschiedenen Schuhe zu suchen und ihr zu präsentieren.

Die Uhr zeigt viertel nach sechs. Bis wir zurück sind und ich das Protokoll fertig habe, lohnt es sich nicht mehr schlafen zu gehen.

Gefühlte 15 Minuten und 40 Paar Schuhe später war ein paar Schuhe gefunden. Eine ähnliche Diskussion um die Jacke wurde nun – fast gewaltsam – nicht mehr zugelassen. Auf der Fahrt ging die Diskussion um den Vertretungshausarzt weiter. Die Patientin blieb vehement bei ihrer Meinung, dass es keinen Vetretungshausarzt gäbe und sie diesen auch nicht besuchen werde. Die Kollegen in der Klinik werden sich freuen.

Nachdem dies in der dieser Schicht die dritte Verzögerung wegen nicht passender Schuhe war, ließ sich zusammenfassend nur eines feststellen:

Je länger die Suche nach passenden Schuhen – umso unnötiger der Notfalleinsatz.

Image by Gerd Altmann from Pixabay

2 Kommentare

  1. Lieber Tiuri,

    ich lese Deine Berichte immer wieder gerne. Bei dem Detail mit der Hose musste ich schmunzeln.

    Aber ansonsten bewundere ich nur Deinen Einsatz und den Langmut. Meine Tochter kommt im Rahmen Ihrer Ausbildung demnächst in die Zentrale Notaufnahme, da wird sie mir sicher die eine oder andere Geschichte zum Besten geben.

    Momentan arbeitet sie auf der Intensivstation, da würde sie auch später weiterarbeiten wollen. Bei Ihrer ersten Reanimation hat sie das Brustbein des Patienten gebrochen. Der Patient hat überlebt.

    LG Bernhard

    1. Lieber Bernhard, vielen Dank für Deinen Kommentar!

      Meinen Melder habe ich tatsächlich schon einmal vergessen und habe es erst bei der Rückkehr in mein Dienstzimmer gemerkt. Zum Glück gab es keinen Folgeeinsatz.

      Gerade bei älteren, schlanken Damen brechen da gerne Knochen – oder eigentlich eher verkalkter Knorpel. Da kann ich mich an „mein erstes Mal“ noch gut erinnern. Dies macht Ersthelfern draußen auch immer sehr viel Angst, ist ein häufiges Diskussionsthema in Erste-Hilfe-Kursen. Aber Knochen wachsen wieder zusammen – aber nur, wenn das Herz dann noch schlägt.

      LG Tiuri

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